Dreiecke

Aus der achten Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 16.04.2015

vom 2. Mai 2015

Emotionales Empfinden, Stimmungseinwirkung, Wahrnehmung und Handeln in gestalteten Räumen standen im Mittelpunkt der heutigen Veranstaltung. Diese Faktoren sollten sinnlich beschrieben werden.

Im ersten Teil berichtete Dr. Jens Wietschorke (Wien) von seiner politischen, kulturgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Raumanalyse. Sein Forschungsinteresse galt der Repräsentation von systematischen Modellen sowie gesellschaftlichen und sozialen Beziehungen sowie deren Stabilisierung durch Räume. Die soundscape des Kirchenraumes beschrieb er als sinnlichen Raum, der vom einrahmenden Glockengeläut, als sakralem Autoritätszeichen, charakterisiert wird. Dieser Klang verbindet Kirchenaussen- und Innenraum und schafft einen imaginären Gemeinschaftsraum der sozialen Ordnung und Zusammengehörigkeit. Zudem werden durch das akustische Signal Konnotationen rund um die Begriffe Trauer, Freude, Feierlichkeit oder Gefahr transportiert. Auch der mündlichen Sprache kommt eine herausvorgehobene Bedeutung zu, denn auch sie ist konstitutiv für den Raum. Das Wort erhält universale Autorität. Die Legitimation des einzigen Redners im Kirchenraum ergibt sich nicht primär durch die sprachlichen Inhalte, sondern durch das Spiel von Stille, Resonanz und Echo. Denn hierdurch wird das Sprechen verlangsamt und gewinnt an Bedeutung. Die genannte Stille wird von den Anwesenden aktiv produziert und ist eine Form tätiger Teilnahme am Gottesdienst. Sie bestärkt im Weiteren das Gemeinschaftsgefühl und ermöglicht trotzdem die Wahrnehmung des Raumes als individuellen Rückzugsort mit kontemplativem Charakter.

Weniger Stille herrschte in den von Gin-Young Song, M.A. (Zürich) vorgestellten Kaffeehäusern in Seoul. Diese haben sich in den letzten zehn Jahren zum Bestandteil des Stadtbildes und der Alltagskultur entwickelt. Song setzte im Vortrag den Fokus auf die sinnlich erfahrbare Dimension des städteräumlichen Wandels und diskutiert dabei die ethnografische Operationalisierbarkeit des Konzepts der Atmosphäre. In Anlehnung an Jean Paul Thibaud deutet sie dieses über den Begriff der Situation (in ihrer Gesamtheit), wodurch die Mehrdimensionalität der räumlichen Erfahrung in situativem Verhältnis von Menschen, Dingen und Assoziationen verdeutlicht werden soll. Im Weiteren berichtete Song von ihrer Feldforschung sowie den angewandten Methoden (hervorzuheben ist die Foto-Ethnographie), deren Möglichkeiten und Herausforderungen. Bei der Betrachtung des Themas kommt der Stadt Seoul als sich stetig veränderndem Raum eine zentrale Bedeutung zu. Prozesse wie Neubelebung und Kommerzialisierung führen zu einem Stilmix, wobei hier das ‚harmonische Nebeneinander‘ von alt und neu, von eigen und fremd inszeniert wird. An weiteren Beispielen wird gezeigt, wie physische Räume durch kulturelle Aushandlungspraktiken konstruiert werden. Sich verändernde Räume lassen umgekehrt neue körperliche Praktiken entstehen – sichtbar im neuen Phänomen des Spazierens in den Gassen, denen im Zuge der Kommerzialisierung durch die Entstehung von Cafés eine neue kulturelle Bedeutung zugeschrieben wird.

Die Kombination beider Vorträge machte deutlich, wie unterschiedlichste Räumlichkeiten ganz verschiedene Handlungsmodi aktivieren oder schaffen können. Räume sind mehr als schlichte Materie, denn ihnen sind sinnliche wie auch bedeutungsgeladene Konnotationen eingeschrieben, die bestimmen, wie sich das Individuum zu Raum verhält. Das Konzept der Atmosphäre verdeutlicht hierbei die komplexen Wechselwirkungen zwischen Individuum und Raum.

Rima Bumblyte und Christoph Suter