Dreiecke

Aus der dreizehnten Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 14.05.2015

vom 29. Mai 2015

Literatur, atmosphärisch und materiell

Der Beitrag von Marie Plinke, M.A. (Konstanz) „Literatur spüren. Vom Atmosphärischen im Literaturtourismus“ vermochte aufzuzeigen, dass im Gespräch über Literatur eine zusätzliche Dimension beschreib- und erfahrbar ist. Literaturwissenschaftler sprechen über den Text selbst und das, was hinter dem Text steht. Denn der Text besteht auch aus einer Materie, die als diesseitige Dimension von Leser/Innen wahrgenommen wird. Dabei geht es um materielle Aspekte der Literatur, welche eine sinnliche Erfahrung ermöglichen, die über das Visuelle hinausgehen und eine taktile, wie olfaktorische Sinneswahrnehmung einschliessen. Somit wird Literatur atmosphärisch, wie materiell erlebt. Als Klassiker kann die sinnliche Erfahrung von Literatur an Ort und Stelle bezeichnet werden, welche die imaginäre Vorstellung zu evozieren vermag, in dem erfahrbar gemacht wird, wo was und wie passiert ist. Durch das Begehen von Lebens- und Wirkungsorten von Autor/Innen und Protagonist/Innen lässt sich eine „historische Nähe“ herstellen, die weit über eine Textanalyse hinausgeht und hinsichtlich touristischer Vermarktungsaspekte interessant ist. Solche Schauplätze können zumal aber auch fiktionale Umgebungen enthalten, wodurch eine Mischform von Realität und Fiktionalität entstehen kann, die als Übersetzungsmechanismus physischer Umgebung auf literarische Perspektiven zu verstehen ist. Durch die dadurch verkörperte Imagination findet ein Transport bzw. eine Beeinflussung von atmosphärischen Impulsen statt. Tonino Griffero führt diesen Gedanken sogar noch weiter, wenn er sagt: „[…] there is probably no situation that is totally deprived of an atmospheric charge.“[1] Atmosphäre ist demzufolge überall erleb- und erfahrbar und kann auch in der literarischen Betrachtungsweise eine Rolle spielen.

Einen vertiefenden Aspekt der Materialität konnte Dr. Christine Lötscher (Zürich) mit ihren Ausführungen zu „(Un)sinn und Sinnlichkeit. Materialität und Präsenz in der Literatur“ aufzeigen, bei dem eine hermeneutische Herangehensweise an den Text vorgestellt wurde. Sinnhafte Tiefe wird hier durch Inszenierung, visuelle Gestaltung und Interpretation ermöglicht, wobei das Lesen als sinnliches Erleben beschrieben wird. Dabei spielen die Unterscheidungen von Textur und Textualität, Präsenz und Repräsentation, Wahrnehmbarkeit und Interpretierbarkeit eine wichtige Rolle. Die Umkehrung von Materialität und Immaterialität vermögen Überraschungsmomente aufzuzeigen, die neu in den Diskurs aufzunehmen sind.[2]

Anita Isepponi

 

[1] Tonino Girffero, Atmospheres: Aesthetics of Emotional Spaces, 1988, 1.

[2] Vgl. Dieter Mersch, Was sich zeigt, Materialität, Präsenz, Ereignis, Wilhelm Fink Verlag, 2002, 12.