Dreiecke

Aus der elften Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 07.05.2015

vom 18. Mai 2015

Nachdem wir in den letzten Wochen kreuz und quer durch die vielschichtige Welt der Sinne gestreift sind und uns mit ihrer Mannigfaltigkeit vertraut gemacht haben, kommen wir in der elften Woche nun beim so genannten sechsten Sinn an. Es ist wichtig, sich auch mit dem unbestimmten Sinn – einer diffusen Wahrnehmung oder der Intuition – zu befassen, wenn man das menschliche Handeln und Erkennen im Zusammenhang mit der Sinneswelt betrachten will.

Den Start in diese Vorlesung machte Dr. des. Simone Stiefbold (Zürich) mit ihrem Vortrag mit dem Namen „Der verdichtete Schrecken: Die Geisterohrfeige als Erfahrung und Erzählung“. Mit dem Motiv der Geisterohrfeige lenkte sie damit die Perspektive auf die Ebene der Wahrnehmung. In diesem Zusammenhang ging Stiefbold auf die Gattung der dämonologischen Sage ein, wobei sie den Eingang zu dieser beim Einbruch des Schreckens dingfest machte. Sie unterscheidet den Schrecken klar von den Begriffen der Angst und der Furcht; der Schrecken ist im Gegensatz zu diesen eine leibliche Regung. Der Schrecken existiert gänzlich nur im Moment der Erfahrung, daher können die damit verbundenen Wahrnehmungen und Sinne nur narrativ weitergegeben werden. So verhält es sich auch mit der Geisterohrfeige, wobei hier noch der Aspekt der Glaubwürdigkeit im Raum steht, da die Ohrfeige von etwas Körperlosem erteilt wird. Die Furcht vor der Nichtgestalt entsteht eben gerade durch Narration und die Tatsache, dass das Wahrgenommene nicht mit Logik verbunden und sinnlich weitergegeben werden kann.

Im zweiten Teil der Vorlesung stellte Nikolaus Heinzer M.A. sein aktuelles Forschungsfeld mit dem Namen „Bedrohungsszenario Wolfswiederkehr: Emotionale und sinnliche Dimensionen von Wolfsmanagement“ vor. Dabei interessierte ihn, welche Rolle die Sinne bei einer Forschung über Wolfsmanagement spielen können. Heinzer erläuterte sein Forschungsprojekt auf drei Ebenen. Zunächst ging er auf die Ebene des normativen, historischen und medialen Kontextes ein. Dabei handelt es sich um die Vorstellungen und Meinungen, die Jedermann bereits von Wölfen hat, die eben durch die Geschichte, persönliche Erfahrungen, aber auch Medien und Literatur geprägt wurden. Auf einer zweiten Ebene betrachtete Heinzer Akteure, die direkt oder indirekt alltäglich mit Wölfen zu tun haben. Er erwähnte folgende Akteurgruppen: Menschen, die in der Nähe von Wolfsterritorien leben, WolfsbiologInnen und NaturschutzaktivistInnen. Auf einer dritten Ebene reflektierte er die noch nicht geklärte Perspektive, denn hierbei steht im sich entwickelnden Forschungsprojekt noch nicht genau fest, wie die Sinne und die nicht-menschlichen Akteure, also die Wölfe selbst, miteinbezogen werden können.

Im Zusammenspiel zeigten die beiden Vorträge deutlich, wie Sinne auch auf einer indirekten und emotionalen Wahrnehmungsebene durchaus eine Rolle spielen. Somit findet auch der sechste Sinn in der Auseinandersetzung mit den Kulturen der Sinne seinen Platz.

Camka Sarvan