Dreiecke

Aus der fünften Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 19.03.2015

vom 27. März 2015

In der fünften Sitzung wurden die Sinne im Kontext der Wissensproduktion betrachtet. Die anfängliche These warf dem Objektivitätsideal vor, die Sinnlichkeit aus den Wissenschaften zu verdrängen. So griff Dr. des. Tobias Scheidegger in einem Präludium die Epistemologie auf, um hierdurch auf kulturwissenschaftliche Weise die innere Struktur und Funktion von Wissenschaften zu reflektieren. Das Augenmerk legte Scheidegger auf den Prozess der Erkenntnisgewinnung, der von Kontingenz und Diskontinuitäten geprägt ist. Die Thematik der „Verarmung der Sinne“ – ein eher junges Phänomen – kann auf einen „Bruch“ im 19. Jahrhundert zurückgeführt werden. Davor galt die „Naturwahrheit“, welche die Vollkommenheit im Naturobjekt sah. Diese Naturwahrheit wurde durch das (individuelle) Erfahrungsgut des Wissenschaftlers erschlossen. Im Verlaufe des Jahrhunderts etablierte sich die Objektivierung (als Gegenstück zur Subjektivität), die „Aspekte des Selbst“ als „unwissenschaftlich“ titulierte und verbannen wollte. Diese Entwicklung führte dazu, dass die sinnliche Sensibilität und die „stummen Praktiken“ immer mehr verschwanden.

Dies veranschaulichte PD Dr. rer. soc. Eberhard Wolff mittels der medizinischen Diagnose, die sich durch die Einführung neuer Technologien von der vormodernen sinnzentrierten Medizin löste. Als Paradebeispiel einer Untersuchungspraxis, bei der mehrere Sinne zum Zuge kamen, nannte Wolff die „Harnschau“, bei der auch das Riechen und das Schmecken ihre Anwendung fanden. Es erstaunt nicht, dass diese Diagnosetechnik allmählich aus den Lehrbüchern verschwand.

Technik und Sinnlichkeit sind prinzipiell keine Gegensätze, wie am Beispiel von Diagnosegeräten illustriert wurde. Denn diese übersetzen ihre erhobenen Daten in optische und akustische Repräsentationen, um sie unseren (beschränkten) Sinnen erfahrbar zu machen. Kulturpessimistischen Ansichten werden so relativiert, denn – so führte Wolff aus -, auch die hoch-technisierte Medizin ist überaus sinnlich.

Patrik Brandenberg