Dreiecke

Aus der siebten Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 02.04.2015

vom 13. April 2015

Das Fliegen ist ein sehnlicher, mythisch aufgeladener Wunsch der Menschheit. Die Drohne als unbemanntes Flugobjekt bietet dem Menschen hierbei eine neue Form der Annäherung, wie Maximilian Jablonowski M.A.  (Zürich) in seinem Vortrag mit dem Titel Drohnen, Iron Man und andere Cyborgs aufzeigte. Denn mit und durch die Drohne kann die Technik dem Menschen dazu verhelfen, neue Ebenen zum sinnlichem Erleben von Fliegen beizusteuern.

Kulturwissenschaftlich kann das neue Erleben des Fliegens am treffendsten mit einer Entgrenzung sinnlicher Wahrnehmung durch Technologie beschrieben werden. Dem Begriff der „Präsenz“ kommt hierbei eine spezielle Bedeutung zu. Der Sensitiv Turn erlangt hierdurch in der Technikforschung eine neue Bedeutung.

Technik hat spätestens seit der Erfindung des Telefons menschliche Präsenz und Sinnerleben relativiert, denn es bot nicht nur den gedanklichen Austausch sondern integrierte auch Stimme und Hören, schaffte eine neue Form der Präsenz trotz physischer Distanz. So kann bereits beim Telefon von einer Antimaschine gesprochen werden, die sinnaffektive Wahrnehmung ermöglicht.

Basierend auf dem Modell der „human-technology relations“ von US Technikphilosoph Don Ihde hat sich eine Analysemethode herauskristallisiert, welche Technologie von ihrem ursprünglichen Zustand als Gebrauchsgegenstand in den Bereich der Wahrnehmungsmittel verschiebt. Technologische Artefakte fungieren so nicht nur als Mediatoren zwischen menschlichem Benutzer und der Welt, sondern werden eingebunden in das System menschlichen Wahrnehmens und Handelns.

Auch die Drohne als (vermeintlich) unbemanntes Flugobjekt ermöglicht dem menschlichen Piloten durch kontrolliertes Steuern ausserhalb seines Sichtbereiches sinnaffektive Wahrnehmung. Er/sie kann die Drohne trotz grosser Distanz mithilfe von Kameras, Sensoren und Eingabegerät steuern. Somit ist die Drohne quasi – aus der Ferne – bemannt und Drohne und Pilot beeinflussen sich gegenseitig, reagieren auf ausgetauschte Daten bzw. Eingaben. Dabei haben sich die Kulturtechniken Fernsteuerung, Simulation und Sensorik etabliert und wirken sich in einer technogenen Koevolution von Mensch und Drohne aus. So wird die Drohne laut – von Jablonowski erhobenen – Interviewaussagen „Teil des Körpers“ und übersteigt die rein sinnliche Erfahrung des Sehens. Der Pilot erweitert mit der Drohne sein Wahrnehmungsspektrum, ähnlich wie ein Blinder mit dem Blindenstock. Auf weitere Ausführungen Jablonowskis zum Ermöglichungs- und Ermächtigungsverhältnis von Mensch und Drohne darf man sich am Donnerstag, dem 23. Juli 2015, im Panel E freuen.

 

Astrit Abazi & Martina Wassmer