Dreiecke

Aus der zehnten Sitzung der Vorlesung „Kulturen der Sinne“ vom 30.04.2015 (Teil 1)

vom 18. Mai 2015

„Die Schlüssel zum Menschen“ – Zur Bedeutung der Sinne im Kontext demenzieller Beeinträchtigungen

Heinrich Grebe M.A. (Zürich) veranschaulichte in seinem Vortrag über die Bedeutung der Sinne im Kontext demenzieller Beeinträchtigungen, dass es sich bei diesen stets um soziale und kulturell geprägte Phänomene handelt. Viele Menschen, die an einer Demenzerkrankung leiden, weichen im Krankheitsverlauf zunehmend von kulturellen Sauberkeits- und Ordnungsvorstellungen ab. Die devianten Alltagspraxen der Betroffenen, wie beispielsweise die Vernachlässigung der Körperhygiene, lösen bei (und mit) den Angehörigen meist einen Konflikt aus. Einerseits möchten die Angehörigen die Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz respektieren, andererseits kann die Sorge um die begrenzte Selbstversorgung zu zwangsvollen Fürsorgepraktiken führen. Als Alternative zu einem repressiven Durchsetzen von kulturellen Standards plädierte Grebe für einen gelassen Umgang mit Demenzkranken, die (unabsichtlich) gegen gesellschaftliche Normen verstossen. Dieser „fürsorglichen Coolness“ im Umgang mit Demenzkranken geht das Verständnis voran, dass es für die betroffenen Erkrankten kein prioritäres Bedürfnis sein muss, sich gesellschaftlichen Sitten anzupassen.

Inwiefern das Sinnliche bei der Bewältigung von kommunikativen und emotionalen Problemen, die infolge von Demenz auftreten können, relevant ist, veranschaulichte Grebe mit Beispielen aus seiner Feldforschung. Grebe illustrierte wie eine Gruppenleiterin mit Umarmungen, Summen und weiteren sinnlichen Zugängen die Stimmung einer Demenzpatientin positiv beeinflussen konnte. Solch sinnliche Zugänge werden stets mit biographischen Referenzthemen verbunden. So zeigte das erwähnte Beispiel, wie die Patientin als ehemalige Tanzliebhaberin im Kontext einer Gesangs- und Tanzübung verstärkt auf die wohlwollende Sinnlichkeit der Gruppenleiterin reagierte. Die positiven Auswirkungen sinnlicher Annährungen und die Relativierung allfälliger Normverstösse, die eine Gelassenheit im Umgang mit Demenzerkrankte evozieren soll, intensivieren die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels im bis anhin meist defizitär geführten Demenzdiskurs zu einem potenzialorientierten Demenzdiskurs.

Anna Suppa