Dreiecke

Eine Einstimmung zum Plenarvortrag von Reinhard Johler aus dem kdsCamp

vom 18. Mai 2015

Adolf Reisiger (1893 – ?)

Loretto[1]

„Einen Tag lang in Stille untergehen!

Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen

und die Hände fallen lassen

und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:

Einen Tag lang nicht töten.“

Verdun

Abbildung: Beschuss in Verdun im Jahre 1916 [2]

 

Dieses Gedicht ist ein Zeugnis der Zeit. Ein Zeugnis, das wie Hanns Bächtold[3] beschrieben hat „einen Einblick ins Seelenleben des Volkes gibt“[4]. Man fühlt sich in die Befindlichkeit und Wünsche des Soldaten, sowie direkt in das laute und hektische Geschehen der Schlacht hineinversetzt.

Prof. Dr. Reinhard Johler[5]

Zunächst möchten wir Ihnen einige Angaben zu Prof. Dr. Reinhard Johler geben.

1960 im österreichischen Alberschwende geboren, absolvierte er sein Studium der Volkskunde, Geschichte und Kulturanthropologie in Wien, Mailand und Cambridge. Seine Schwerpunkte legt er hauptsächlich auf die europäische Geschichte ab dem 19. Jahrhundert.

Von 2005 bis 2008 war er Sprecher des Projektbereiches „Kriegserfahrung in den Humanwissenschaften“ des Tübingers SFB 437 Kriegserfahrung. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Seit seiner Berufung im Jahre 2002 lehrt er an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Momentan leitet er eine Forschung über die Geschichte und Gegenwart deutschsprachiger Volkskunde in Südosteuropa.

Johler erwähnt in seinem Abstract zu seinem bevorstehenden Referat den Artikel ,,Volkskundliches aus dem Soldatenleben‘‘, in dem Eduard Hoffman-Krayer[6] dazu anregt, darüber Material zu sammeln. Wir möchten Ihnen mit einer kurzen Zusammenfassung einen etwas genaueren Einblick gewähren.

Volkskundliches aus dem Soldatenleben[7]

Eduard Hoffmann-Krayer beschreibt in seinem Artikel, der 1915 in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitung erschienen ist die „Sitten und Bräuche der Soldaten, während der Rekrutierung und Schlacht“ und betont deren Bedeutsamkeit für die Volkskunde. Er führt diese teilweise auf die „heidnische Zeiten“ zurück. Zur Verdeutlichung werden wir einige willkürlich in Zeit und Raum ausgesuchte Beispiele aufführen. In gewissen Regionen wurden Erbsenschoten oder lebendige Spinnen als Glücksbringer in die Kleidung eingenäht, um bei der Auslosung in die Ersatzreserve zu kommen. Anderswo warfen sich Soldaten Erde über ihre Schulter, was als symbolisches Begräbnis gedeutet wurde. Andere wieder versuchten der Wehrpflicht durch Selbstverstümmelung zu entkommen. Bis kurz vor der Herausgabe der Zeitung glaubten die Menschen in Baden[8], dass sie durch ein Hemd unverwundbar wären, wenn es von einem siebenjährigen Mädchen gesponnen wurde.

Wir haben uns auch ein paar Gedanken zum Krieg und zu diesen Sitten und Bräuchen gemacht. In einigen dieser Sitten und Bräuchen sehen wir Versuche, dem Diktat des Krieges zu entkommen, die einen effektiver als die anderen. Wir denken, dass Menschen im Krieg Extremsituationen ausgesetzt waren, in denen sie körperlich sowie auch psychisch involviert waren. In den Sitten und Bräuchen kann man vielleicht auch einiges herauslesen. Wie würdet ihr diese deuten?

Der Aufruf Hoffmann-Krayers zum Sammeln bezog sich vor allem auf den Raum Schweiz, da das meiste bereits gesammelte Material und auch im Aufsatz beschriebene aus Deutschland oder anderen Ländern Europas stammte. Hoffmann-Krayer betonte, dass er mit diesen Aufzählungen und Beschreibungen keine vollständige Inventur aufstellen wollte. Mit diesen Beispielen wollte er dem Leser eine Vorstellung geben, was gesucht wurde. Dazu fertigte er einen Fragebogen mit 13 Fragen an, die den Sammlern helfen sollten das erhobene Material zu kategorisieren.

Dieser Artikel kennzeichnet sozusagen den Beginn des Sammelns volkskundlichen Materiales aus dem Leben des Soldaten. Aber noch viel wichtiger zu sein scheint folgendes:

„Es liegt daher nah zu fragen, ob die grossen volkskundlichen Sammlungsvorhaben im Krieg nicht eine Art „sensory turn“ avant la lettre im Fach ausgelöst haben Denn die Volkskundler (und auch die Volkskundlerinnen) hatten es an der Front und am Schreibtisch mit einer Explosion der Sinne zu tun.“[9]

Das können wir uns gut vorstellen, insofern das ,,Seelenleben‘‘, Gefühle oder Empfindungen mit Wörtern beschreibbar werden, die die Sinne ansprechen, wie zum Beispiel kalt, warm, weich, hart, Farben, usw.

In unserem ausgewählten Gedicht wird dies ebenfalls deutlich. Umgekehrt können wir uns vorstellen, dass das Erleben des Krieges (Bedrohungen durch Schüsse, Rationierung, Zerstörung) durch das, was man über die Sinne aufnahm, an Intensivität gewann und das ,,Seelenleben‘‘ (Psyche) in besonderen Masse prägte. Wir sind auf jeden Fall gespannt wie Herr Johler diese Frage beantworten wird, um die es in seinem Vortrag gehen wird.

Livia Trinkner, Verena Halstrick

 

[1] Reisiger, Adolf: Loretto. In: Köppen, Edlef. Heeresbericht.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/heeresbericht-6321/12 (Abgerufen: 29.4.2015, 14:07).

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/schlachtfeld-von-verdun-heute-wir-sind-die-muellmaenner-der-

schlachtfelder-1.1870896 (Abgerufen: 29.4.2015, 14:40).

[3] Hanns Bächtold-Stäubli (1886 – 1941) war Germanist und Romanist, der sich an Forschung, Herausgabe und Organisation

volkskundlicher Arbeiten betätigte. http://www.deutsche-biographie.de/sfz1801.html (Abgerufen: 7.5.2015, 11:37).

[4] Handout: Die Mobilisierung der Sinne. Der Krieg, die Schweiz, die Volkskunde.

http://kulturendersinne.org/wp-content/uploads/2015/02/Johler.pdf (Abgerufen: 29.4.2015, 17:23).

[5] http://www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-sozialwissenschaftliche-fakultaet/faecher

/empirische-kulturwissenschaft/institut/mitarbeiterinnen/lehrende/reinhard-johler.html

(Abgerufen: 29.4.2015, 14:49).

[6] Eduard Hoffmann-Krayer (1864 – 1936), Schweizer Volkskundler.
http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Hoffmann-Krayer (Abgerufen: 8.5.2015, 14:02).

[7] http://retro.seals.ch/cntmng?pid=asm-003:1915:61=81::819 (Abgerufen: 29.4.2015, 16:40).

[8] Gemeint ist wohl das schweizerische Baden, Anmerkung der Autorinnen.

[9] Handout: Die Mobilisierung der Sinne. Der Krieg, die Schweiz, die Volkskunde.

http://kulturendersinne.org/wp-content/uploads/2015/02/Johler.pdf (Abgerufen: 29.4.2015, 17:23).