Dreiecke

Eine Einstimmung zur Sektion 2 aus dem kdsCamp

vom 2. Mai 2015

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Seit der spatial turn unser Fach erreicht hat, wird Raum nicht nur als demographische, sondern vor allem als soziale Grösse gedacht; das Erkenntnisinteresse verschob sich weg von den Objekten im Raum, hin zur (sozialen) Produktion des Raumes selbst.[1] Aber wie wird Raumproduktion am Kongress „Kulturen der Sinne“ gedacht? Oder anders gefragt: Wo verbirgt sich die Sinnlichkeit bei der Herstellung von Raum? Um dieser Frage nachzugehen, gebe ich einen kurzen kommentierten Überblick der Forschungsthemen der Sektion 2:

Dr. des. Martina Klausners und Dr. Maren Klotz’s Interesse liegt in der Stadt als „Sinnes-Landschaft“, die im klassischen kulturpessimistischen Sinne die Nerven reizt; es geht um die empirische Erforschung solch intensiver Sinnlichkeit. Bei Sönke Knopp M.A. liegt der Fokus auf den erfahrbaren Praktiken und Wahrnehmungen von Stadträumen, er fragt nach der Wirkungsmacht von Musik bei der Imagination der Stadt. Diese beiden Vorträge haben einen gemeinsamen Nenner, sie gehen davon aus, dass wir unsere urbane Umwelt als sinnlichen Raum wahrnehmen und diesen gleichzeitig – durch soziale Praktiken wie Musizieren und Sprechen – als solchen (re-)produzieren. Die Sinnlichkeit des Raumes ist daher in seinem gesellschaftlichen Produktionsprozess inhärent: Wir erschaffen sinnliche Atmosphären, die an Räume gebunden sind. Dr. Jens Wietschorkes Forschung zu Kirchenräumen vermag diesen Produktionsprozess an einem bestimmten Ort zu lokalisieren; die sinnliche Dimension sakraler Räume entfaltet sich im visuellen (Bilder, Farben), olfaktorischen (Weihrauch) und akustischen (Schweigen, Gesang, Glockenklang) Erleben des Kirchenbesuchers.

Dieser Abriss zeigt, dass Sinnlichkeit nicht losgelöst von Raum, sozialen Ordnungen und Herrschaftsstrukturen erforscht werden sollte. Sinnliche Praktiken und Wahrnehmungen – sei es nun die Nervenstärke eines Stadtmenschen, das Musizieren im urbanen Raum oder das gemeinsame Schweigen in der Kirche – konstruieren einen Gemeinschaftsraum. Wenn man aufgrund von systemtheoretischen Überlegungen davon ausgeht, dass bei der (Re-)Produktion von Raum auch immer eine Begrenzung von sozialem und demographischem Raum einhergeht,[2] so ist diese Begrenzung auch immer an Sinneswahrnehmungen und -praktiken geknüpft. Murray Schafer zeigte schon in The Tuning of the World, dass sich Räume auch anhand akustischer Kriterien definieren lassen.[3] Gemeinschaften können als Phänomene begriffen werden, in denen die menschliche Stimme stets als Bezugsgrösse für die räumliche Organisation gilt. Um nochmals Wietschorkes Forschungsfeld aufzunehmen: So ist auch die Kirchengemeinde eine akustische Gemeinschaft, die gegen aussen durch die Reichweite ihres Glockenklanges und gegen innen unter anderem durch die Akustik und das Echo der Pfarrersstimme definiert wird. Dies bringt mich zurück zur Ausgangsfrage des vorliegenden Beitrags: Wenn man an die heutigen Debatten über Schlachthofemissionen, Autoabgase, Flug- und Baulärm oder zu bunte Häuserfassaden denkt, dann muss Raum nicht nur als soziale, sondern auch als sinnliche Grösse aufgefasst werden. Denn unsere Sinne haben einen zentralen Einfluss auf Raumproduktionsprozesse, auch weil Räume nie losgelöst von Körperlichkeit gedacht werden sollten.

 

Text & Bilder:                  Lara Gruhn

Lektorat & Design:        Lara Kirner

 

[1] Vgl. Lefebvre, Die Produktion des Raumes, S. 330 – 333.

[2] Vgl. dazu: Murphy, Social Closure.

[3] Folgende Ausführungen beruhen auf Schafer, Die Ordnung der Klänge, S. 349 – 353.

 

Literatur

Lefebvre, Henri: Die Produktion des Raumes. In: Jörg Dünne und Stephan Günzel (Hg.): Raumtheorie.  Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp,       2012, 330-342.

Murphy, Robert: Social Closure: The Theory of Monopolization and Exclusion. Oxford: Clarendon         Press, 1988.

Schafer, Murray: Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens. Berlin: Schott  Music, 2010.

Kongresswebsite: Kulturen der Sinne, Kongressprogram Mittwoch, Sektion 2 mit Abstracts der     Referenten. http://kulturendersinne.org/programm/mittwoch/ (Abgerufen: 21. April 2015).