Dreiecke

Eine Einstimmung zur Sektion 4 aus dem kdscamp

vom 29. Juni 2015

SINNESKULTUR & KÖRPERLICHKEIT
Die neue Sinnlichkeit als Wiederentdeckungsreise? Augen, Ohren, Nase, Haptik, kurz: die Sinne, sind an den Körper gebunden. Inwiefern ist aber Sinneskultur an Körperlichkeit gekoppelt? Gibt es universelle Erfahrungen von Sinnlichkeit?
Diese spannenden Fragen werden am DGV-Kongress „Zugänge zur Sensualität der sozialen Welt“ in der Sektion Verkörperungen behandelt mit Tatjana Damers (M.A. Marburg) Vortrag über „Ikonen schreiben“, sowie Aurelia Ehrenspergers (M.A. Zürich) Vortrag über „Atem-Grenzen“. In diesem Blog werden Verkörperungen von Sinneskultur an zwei Beispielen illustriert, welche einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, was uns an der Konferenz erwartet. Zum Einen wird das Erfahrbar-Machen von Sinneskultur am Beispiel von Ikonen behandelt, zum Anderen das Erfahren von Sin-neskultur mit allen Sinnen am Beispiel der Rauchkultur.

ERFAHRBAR MACHEN, aber wie?
Nimmt man Edith Piaf als Ikone zur Hand, werden nicht nur Bilder einer französischen Diva aktiviert; eine Passiona eines Musiker-Lebens wird zugänglich: die Emotionalisierbarkeit liegt in der Erlebbarkeit, wozu ihre Chansons und nicht zuletzt die Verfilmung ihres LEBENS beigetragen haben.
Sinnlichkeit als an Körperlichkeit gebundenes Kulturerleben bedeutet nicht nur geteiltes Leid. Wie Pink (2009) in den Prinzipien für sensorische Ethnographie beschreibt: „The experiencing, knowing and emplaced body is therefore central to the idea of a sensory ethnography (25)“. Diese Sicht be-wegt sich weit über die Grenzen der Geist-/Körperbeziehung hinweg. Genauso wie die Aura der Chanson-Sängerin Edith. Tatjana Damers Abhandlung Ikonen schreiben (2015) verdeutlicht die his-toriografische Dimension von Sinnlichkeit am Beispiel von Ikonen der alten Frau im 20. Jahrhundert. Ihr sensorischgewählter Forschungsansatz beleuchtet den Verhandlungsraum so, dass Attri-butionen nicht mehr als blosse Charaktereigenschaft wahrgenommen werden, sondern vielmehr im Kontext der Kulturgeschichte erscheinen.
bEs ist eine Sache, eine Sinneswelt aufzuzeigen und zu medialisieren. Viel schwieriger ist es, ihre Wirkung, das (kollektive) Sinneserleben, zu erfassen. Warum? – Die Nachvollziehbarkeit mit unseren Sinnen ist von Natur aus limitiert. Dies schliesst Genderaspekte mit ein. Bewusst oder unbewusst, auf jeden Fall soziokulturell und medial verankert, sowie individuell befangen. Ist die Frau im roten Kleid nicht hübsch anzusehen? Ihr Name ist Joan Crawford. Sie ist eine Hollywood-Schauspielikone der 50er Jahre, und gilt als Symbol für frühe Inszenierungen weiblicher Sinnlichkeit.

ERFAHREN, mit Erfahrung?
Wo stecken die Grenzen bei der Erfahrung von Sinnlichkeit? – Im Körper und/ oder im Geist. Aurelia Ehrensperger umreisst diese Thematik in Atem-Grenzen (2015) mit dem Fokus auf assemblagearti-ge Felder. Analog dazu, behandelt Tatjana Damer die Dichotomie Sinnlichkeit/ Rationalität. Zur Veranschaulichung assemblageartiger Felder und ihrer Dichotomie habe ich Bilder rund um das Thema Rauch gewählt:

c

Wir zelebrieren oder verteufeln das Erleben mit allen Sinnen – auf mehreren Ebenen. Rauchen kann ein Ausdruck von Freiheit, Zwang, Genuss, Auflehnung, Gesinnung, Kampf, Rebellion, Zerstö-rung, Zugehörigkeit oder Abgrenzung sein; alles identitätsstiftende Angebote.
Die zunehmende Politisierung des Rauchens hat dazu geführt, dass sich in diesen spezifischen as-semblageartigen Feldern nun auch vermehrt gesundheitsnegativierende Codierungen tummeln – Anders gesagt: unsere Sinne werden geschult, Rauchen in einem negativem Spotlight zu betrachten (Medienframing bedingt). Wo einst der Marlboro-Mann das Gefühl unendlicher Freiheit symboli-sierte, befindet sich jetzt ein politisch-diktierter Körper- und Gesundheitsdiskurs. Welchem Bild man folgt, steht einem frei. So kann die Wahrnehmung funktionaler Atemstörungen, infolge des Rauchens, ein Gesundheitsbewusstsein etablieren, das, neben dem Rauchen, neue Bedürfnisse kreiert (Wellness vgl. Festingers Dissonanztheorie, 1957). Über die Bewertungsdimension lässt sich wahrlich streiten.
Um die eingangs aufgeworfenen Fragen zu beantworten: Ja, Sinneskultur ist an Körperlichkeit ge-bunden. Sie wird immer mehr zur bewussten Entscheidung und besitzt somit eine referentielle Dimension, welche es schier unmöglich macht, von universellen Sinneserfahrungen zu sprechen, welche sich losgelöst von Körperlichkeit präsentieren. Universell im Sinne von Luhmanns Text das System „Person“: Ja. Universell im Sinne von allgemeingültig objektivierbar: Nein.

Lara Kirner

Bildquellen:
1. La-Vie-En-Rose DVD-Cover. Quelle: http://thefilmexperience.net/blog/2015/3/2/qa.html [Aufge-rufen am 29.05.15].
2. Joan Crawford. Quelle: http://www.dailymail.co.uk/femail/article-1355813/Joan-Crawford-used-body-control-stars-directors-advance-career.html [Aufgerufen am 29.05.15].
3a) Kaffee-Dampf. Quelle: http://de.dreamstime.com/stockfoto-zeit-f%C3%BCr-einen-bruch-eine-schale-warmer-und-gew%C3%BCrzter-kaffee-mit-dem-rauchschreibenskaffee-image30110570 [Aufgerufen am 29.05.15].
3b) Che Guevara. Quelle: http://www.elciudadano.cl/2015/05/14/165056/tal-dia-como-hoy-ernesto-guevara-llegaba-al-mundo-con-la-revolucion-bajo-el-brazo/ [Aufgerufen am 29.05.15].
3c) Raucherin. Quelle: http://www.stern.de/gesundheit/zaehne/ueberblick/nikotinsucht-rauchen-schadet-dem-zahnfleisch-607817.html [Aufgerufen am 29.05.15].
3d) Rauchpräventionskampagne aus Österreich. Quelle: http://www.gesundesleben.at/rauchen-der-schwangerschaft/ [Aufgerufen am 29.05.15].
3e) Raucherlunge im Vergleich. Quelle: http://www.med-etc.com/med/merk/merkblatt-rauchen.htm [Aufgerufen am 29.05.15].