Dreiecke

Eine Einstimmung zur Sektion 5 aus dem kdscamp

vom 9. Juni 2015

Die Methode der Feldforschung kommt zu selten in Kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Einsatz. Dabei wird oft versucht, die ethnographischen Ansätze mit anderen (z.B. künstlerischen) zu verbinden, sowie eine stärkere Hinwendung zu kulturellen Wahrnehmungsweisen und neuen Formen ethnographischen Forschens zu fördern.
In dieser Konferenz-Sektion wird kulturanthropologisches Forschen behandelt. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die aktive Teilnahme, sowie die leibliche Erfahrung der Ethnographen als eine Form ethnographischer Praxis. Die Erfahrung sowie die Textproduktion sind in der europäisch-ethnologischen/volkskundlichen Forschung von grosser Bedeutung. Einerseits wird Erfahrungsprozessen viel Bedeutung in der kulturanthropologischen Forschung zugeschrieben, andererseits werden explizite Diskussionen über das Konzept weg gelassen. Aus diesem Grund scheint für Christine Schmid Sinn und Körperlichkeit in den Ergebnissen wissenschaftlicher Arbeit häufig zu verschwinden. In ihrem Vortrag wird sie auf die empirischen Ergebnisse ihrer laufenden Feldforschung (Wissen von Psychiatrie=Erfahrenen) zugreifen, um herauszuarbeiten, wie im Spannungsfeld zwischen Feldforschung und Textproduktion Erfahrung als Brücken-, Kontrast- und Ergänzungskonzept funktioniert.
Alexander Antony wird in seinem Vortrag auf die sinnliche Erfahrung als Instrument und Gegenstand ethnographischer Praxis (Thick Participation) eingehen. Im Vortrag soll gezeigt werden, welche Potenziale diese Methode in sich birgt und welche Beobachtungschancen sich durch eine derartige „thick participation“ mit Blick auf die Erforschung sinnlich-leiblicher Momente ergeben. Ausserdem soll im Vortrag erwähnt werden, wie eine Empirie auf produktive Art und Weise für theoretische Zwecke verwendet werden kann und durch Ethnographen erworbene sinnlich-praktische und nicht-sprachliche Kenntnisse im Feld zu treffsicheren Beschreibungen führen können.
Michaela Heid erläutert im Anschluss ihre Erkenntnisse im Rahmen ihrer ethnografischen Feldforschungsaufenthalte im Kloster. Damit in Beziehung steht die Fragestellung, inwiefern sinnliche Konfiguration in einem solchen Setting eine Rolle spielt, was diese für die Forschung bedeutet. Die Grundlage ihres Beitrages besteht aus den Forschungsergebnissen einer aktuell noch nicht abgeschlossenen Studie, in denen Klosterurlauber beobachtet und befragt wurden.
Zum Abschluss der Sektion 5 veranschaulicht Sebastian Mohr anhand des Beispiels dänischer Samenbanken und Interviews zum Bau von Open-Source-Geräten, wie affektive und körperliche Dimensionen in Beziehung zur epistemologischen Praxis und zum ethnografischen Verstehen steht. Anhand Diskussion und Vergleich dieser Beispiele wird versucht, ein Zusammenhang zwischen physiologischem Erleben und wissenschaftlichem Verstehen zu erläutern.
Dr. Brigitta Schmidt-Lauber fungiert in dieser Sektion als Kommentatorin, wobei ihre Forschungsschwerpunkte sich unter Anderem auf ethnografische Methoden, regionale Ethnografie, Ethnologische Stadtforschung und Populäre Kultur beziehen. Durch ihre langjährige Erfahrung als Professorin verschiedener Universitäten, kann sich jeder Besucher der Vorträge auf eine angeregte Diskussion freuen.

Kristina Kashina & Katharina Sophia Koch

Literatur:
Christine Schmid M.A. (Berlin): Im Feld. Am Schreibtisch: Erfahrung als Brückenkonzept zwischen “sinnlicher” Feldforschung und “unsinnlicher” Textproduktion
Alexander Antony M.A. (Erlangen-Nürnberg): Thick Participation – Sinnliche Erfahrung als Instrument und Gegenstand ethnographischer Praxis
Michaela Heid M.A. (Kreuzlingen): Religion mit allen Sinnen – Feldforschung im Kloster
Dr. Sebastian Mohr (Aarhus) und Andrea Vetter (Berlin): Eindringliche Begegnungen: von Körpern, Scham und Feldforschung