Dreiecke

Eine Einstimmung zum Vortrag von Reet Hiiemäe (Sektion 1) aus dem kdscamp

vom 2. Juni 2015

Freie Liebe, Wildheit oder ernsthafte Überlebensstrategie? Probleme bei der historischen Forschung des Gefühlslebens

Liebe, freie Liebe, Wildheit, Sinnlichkeit, menschliche Triebe und sexuelle Anziehungskraft sind Begriffe, mit denen man konfrontiert wird, wenn man sich mit dem Konzept der Sinne auseinander setzt. Über menschliche sexuelle Anziehungskraft zu sprechen erscheint heute ganz „normal“, das offene Sprechen über Sexualität erscheint kaum mehr als Tabu-Thema. Aber so ist es nicht immer gewesen. Lange Zeit hatten Menschen Hemmungen, über Sexualität zu sprechen. Mit Niklas Luhmann kann man ein Tabu als „ gesellschaftskonstituierendes Element“ beschreiben: „Tabu als die Fähigkeit des Menschen, sich Verbote auflegen zu müssen, die ihn zu kulturellen Wesen macht. Im Rahmen der Kommunikation bestimmt das Tabu Grenzen dafür, wie die Kommunikation gestaltet werden kann. Das Tabu steigert somit die „Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen“ (Luhmann 1982, S. 10).“[1]

Mit diesem Thema setzt sich Reet Hiiemäe, seit 2012 Doktorandin der Folklore an der Universität Tartu in Estland, in ihrem Vortrag am ersten Tag des Kongress in der Sektion 1 mit dem Titel „Epistemiken“ auseinander. Sie setzt den Schwerpunkt ihres Vortrags auf das Thema der Vertraulichkeit von historischen Quellen im Zusammenhang mit dem Gefühlsleben einer bestimmten Menschengruppe im 19. Und 20 Jahrhundert. Dabei stellt sie sich der Frage, inwieweit die heutigen Forscher solchen Überlieferungen, die meistens auf der Basis von Archivtexten zugänglich sind, vertrauen und sie verstehen können.

Die Referentin versucht, mit ihrem Vortrag auf die Gefahren der selektiven Benutzung von historischen Quellen aufmerksam zu machen. Als Folkloristin und Forscherin der estnischen Volkskunde vergleicht sie Texte von estnischen Volkskundlern aus dem 20. Jahrhundert mit Archivtexten betreffend der Beschreibung von Riten, zu denen das Imitieren eines Sexualakts gehört. Ihr ist bekannt, welche Hemmungen und Tabus die Menschen mit dem Gefühlsleben in den vorherigen Jahrhunderten hatten. Sie fragt, ob die damaligen Überlieferungsträger den Fremden über ihre Tabus „ehrliche“ Antworten lieferten oder nicht.

Mireya Wettstein

[1] Luhmann 1982, 10 zit. bei Purtov, Server: Sex und Tabu – Die Tabuisierung des Sexualitätsdiskurses in der menschlichen Kommunikation im Historischen Wandel, Norderstedt, GRIN Verlag, 2005 S.4.